ADHS, ADS – Krankheit, Zeitphänomen oder Systemfrage?
- 1. März
- 3 Min. Lesezeit
Kaum eine Diagnose wird heute so kontrovers diskutiert wie ADHS/ADS. In Kitas, Schulen, Unternehmen und sozialen Medien taucht sie immer häufiger auf. Doch was steckt psychologisch und neurologisch wirklich dahinter? Und warum scheint die Zahl der Betroffenen zu steigen?
Was ist ADHS – und was ist ADS?
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Die Bezeichnung „ADS“ wird umgangssprachlich für die vorwiegend unaufmerksame Form verwendet, offiziell spricht man heute ebenfalls von ADHS – nur ohne ausgeprägte Hyperaktivität.
Kernsymptome:
Unaufmerksamkeit
Impulsivität
(bei vielen) motorische Unruhe
Entscheidend: Es geht nicht um gelegentliche Unkonzentriertheit, sondern um eine anhaltende, situationsübergreifende Beeinträchtigung, die zu deutlichen Problemen im Alltag führt – in Schule, Beruf, Beziehungen.
Die neurologische Perspektive
Neurologisch zeigen sich bei ADHS Unterschiede in der Regulation von:
Dopamin
Noradrenalin
Betroffen sind vor allem:
der präfrontale Cortex (Planung, Impulskontrolle)
das Belohnungssystem
Netzwerke der Aufmerksamkeitssteuerung
Vereinfacht gesagt: Das Gehirn reguliert Reize und Motivation weniger effizient. Relevantes und Irrelevantes zu filtern fällt schwerer.
Wichtig: ADHS ist kein „Willensproblem“ und keine Erziehungsfrage.
Warum steigen die Diagnosen?
Bessere Diagnostik und Sensibilisierung
Früher wurden viele Kinder als „Zappelphilipp“ oder „Träumer“ abgestempelt. Heute gibt es standardisierte Diagnoseverfahren. Das führt zu mehr erkannten Fällen – auch bei Erwachsenen.
Erweiterte Kriterien
Die Diagnosekriterien wurden im Laufe der Zeit angepasst, unter anderem im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). Symptome müssen nicht mehr zwingend vor dem 7., sondern vor dem 12. Lebensjahr begonnen haben – das erhöht die diagnostische Reichweite.
Gesellschaftlicher Wandel
Hier beginnt die eigentliche Debatte.
Unsere Umwelt hat sich radikal verändert:
Reizdichte
Dauerverfügbarkeit
Multitasking
Bildschirmdominanz
Studien zeigen, dass intensive digitale Mediennutzung mit geringerer Aufmerksamkeitsleistung zusammenhängen kann. Eine vielzitierte Längsschnittstudie aus University of Southern California (2018) fand, dass Jugendliche mit hoher digitaler Mediennutzung häufiger ADHS-ähnliche Symptome entwickelten.
Auch Forschungen der Microsoft (2015) berichteten über eine verkürzte durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne im digitalen Kontext – auch wenn diese Studie methodisch umstritten ist.
Wichtig: Das bedeutet nicht, dass Smartphones ADHS „verursachen“. Aber sie können Aufmerksamkeitsmuster verändern.
Kinder im Schulsystem – Entwicklungsnormalität vs. Pathologisierung
Kinder sind:
neugierig
bewegungsfreudig
reizoffen
spielorientiert
Das heutige Schulsystem verlangt jedoch:
langes Stillsitzen
abstrakte Aufgaben
geringe Bewegungsfreiheit
frühe Leistungsbewertung
Wenn Kinder mit sechs eingeschult werden und entwicklungsbedingt noch keine lange Aufmerksamkeitsdauer haben, stellt sich die Frage:
Ist das Kind unkonzentriert – oder ist die Umgebung nicht entwicklungsangemessen?
Ein Kind kann unter einem Stimulans wie Methylphenidat tatsächlich ruhiger und fokussierter sein – auch ohne ADHS/ADS.
Doch dann ist die zentrale Frage: Behandeln wir eine Störung – oder optimieren wir Anpassung?
Funktionieren vs. gesund sein
Medikamente erhöhen Dopamin- und Noradrenalinaktivität.Bei ADHS kann das regulierend wirken.Bei Menschen ohne ADHS wirkt es leistungssteigernd – aber künstlich.
Das Kind:
funktioniert besser im Unterricht
sitzt länger still
fällt weniger auf
Doch innerlich kann es sein:
emotional gedämpfter
weniger spontan
weniger spielerisch
Die psychologische Botschaft kann lauten:„So wie du bist, bist du nicht richtig.“
Das ist entwicklungspsychologisch problematisch.
Erwachsene – digitale Überreizung oder ADHS?
Viele Erwachsene berichten heute:
Konzentrationsprobleme
Vergesslichkeit
Aufschiebeverhalten
Reizüberflutung
Nach Jahren exzessiver Smartphone-, Social-Media- und Multitasking-Nutzung verändert sich tatsächlich die Art, wie Aufmerksamkeit trainiert wird.
Wenn wir:
E-Mails nur bis zur zweiten Zeile lesen,
ständig zwischen Apps wechseln,
Dopamin-Impulse durch Likes und Notifications bekommen,
dann trainieren wir ein fragmentiertes Aufmerksamkeitsmuster.
Das kann ADHS ähneln – ist aber nicht automatisch ADHS.
Die entscheidende diagnostische Frage
ADHS liegt nicht vor, wenn jemand:
manchmal unkonzentriert ist
sich bei Langeweile ablenken lässt
digitale Gewohnheiten entwickelt hat
ADHS liegt vor, wenn:
die Symptome seit der Kindheit bestehen
sie in mehreren Lebensbereichen auftreten
sie zu deutlicher sozialer, schulischer oder beruflicher Beeinträchtigung führen
In der klinischen Praxis sind schwere Fälle oft eindeutig:
massive Impulsdurchbrüche
Beziehungsabbrüche
Arbeitsplatzverlust
soziale Isolation
Das sind keine Modephänomene.
Wird zu schnell diagnostiziert?
Hier ist eine sachliche Differenzierung wichtig:
Ja, es gibt Hinweise auf:
Überdiagnostik in bestimmten Regionen
Unterschiede je nach sozioökonomischem Hintergrund
stärkere Medikation bei jüngeren Einschulungskindern
Aber: Es gibt auch viele Menschen, die jahrzehntelang nicht diagnostiziert wurden und stark gelitten haben.
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich zwischen:
„Alles ist ADHS“
„ADHS ist nur eine Erfindung“
Die gesellschaftliche Dimension
Vielleicht stellen wir manchmal die falsche Frage.
Nicht:„Warum sind Kinder unkonzentriert?“
Sondern:„Ist unsere Umwelt noch menschengerecht?“
Eine Welt mit:
Dauerbewertung
Leistungsdruck
digitaler Dauerstimulation
wenig Bewegung
wenig echter Beziehung
erzeugt zwangsläufig Aufmerksamkeitsprobleme.
Fazit
ADHS ist real.Es ist neurologisch fundiert und für viele Betroffene eine massive Belastung.
Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft,die Eigenschaften pathologisiert, die früher als normal galten:
Bewegungsdrang
Tagträumen
Kreatives Abschweifen
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur:„Hat dieses Kind ADHS?“
Sondern auch:„Was braucht dieses Kind – und was braucht unsere Gesellschaft?“
Zwischen echter Störung und systemischer Überforderung liegt ein schmaler Grat.Diesen differenziert zu betrachten, ist die eigentliche Herausforderung.

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