Kann man seine Persönlichkeit verändern?
- 19. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Was an uns stabil ist – und was sich im Laufe des Lebens entwickeln kann
„So bin ich eben.“
Diesen Satz hören wir oft. Vielleicht haben wir ihn sogar selbst schon einmal gesagt.
Manche Menschen halten sich für schüchtern, unsicher, perfektionistisch, überangepasst oder besonders ängstlich und glauben, dass diese Eigenschaften unveränderliche Bestandteile ihrer Persönlichkeit seien. Doch stimmt das wirklich? Können wir uns verändern oder bleiben wir ein Leben lang der Mensch, der wir schon immer waren?
Die Antwort lautet: Beides.
Unsere Persönlichkeit gilt grundsätzlich als relativ stabil. Gleichzeitig besitzen wir die Fähigkeit, uns ein Leben lang weiterzuentwickeln. Die entscheidende Frage ist dabei oft nicht, ob wir uns verändern können, sondern was genau an uns veränderbar ist.
Was ist Persönlichkeit überhaupt?
Unsere Persönlichkeit beschreibt die Art und Weise, wie wir denken, fühlen, wahrnehmen und handeln. Sie beeinflusst, wie wir Beziehungen gestalten, Entscheidungen treffen, mit Herausforderungen umgehen und die Welt erleben.
Ein Teil unserer Persönlichkeit ist angeboren. Bereits Kinder unterscheiden sich darin, wie sensibel, lebhaft, vorsichtig oder kontaktfreudig sie sind. Diese grundlegenden Temperamentsmerkmale begleiten uns häufig ein Leben lang.
Dazu gehören beispielsweise:
die Sensibilität gegenüber äußeren Reizen
das Bedürfnis nach Nähe oder Rückzug
die emotionale Intensität
die grundsätzliche Aktivität und Lebendigkeit
eine eher introvertierte oder extrovertierte Grundausrichtung
Diese Eigenschaften bilden gewissermaßen das Grundfundament unserer Persönlichkeit.
Eine ruhige Person wird wahrscheinlich niemals zum lautesten Menschen im Raum werden. Ein sensibler Mensch wird seine Feinfühligkeit nicht vollständig verlieren. Und das muss er auch nicht.
Warum wir oft glauben: „So bin ich eben“
Viele Menschen verwechseln ihre Persönlichkeit mit den Mustern, die sie im Laufe ihres Lebens entwickelt haben.
Dabei entstehen viele Verhaltensweisen nicht aus unserem Wesenskern, sondern aus Erfahrungen.
Vielleicht haben wir gelernt:
immer stark sein zu müssen
keine Fehler machen zu dürfen
die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen
Konflikte zu vermeiden
uns anzupassen, um dazuzugehören
Mit der Zeit werden diese Strategien so selbstverständlich, dass sie sich wie Persönlichkeit anfühlen.
Ein Mensch sagt vielleicht:
„Ich bin eben unsicher.“
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch oft:
„Ich habe gelernt, an mir zu zweifeln.“
Das ist ein großer Unterschied.
Denn etwas, das gelernt wurde, kann auch wieder verändert werden.
Persönlichkeit oder Schutzmechanismus?
In der therapeutischen Arbeit zeigt sich häufig, dass viele vermeintliche Persönlichkeitsmerkmale eigentlich Schutzmechanismen sind.
Ein Mensch, der sich ständig anpasst, ist möglicherweise nicht von Natur aus angepasst. Vielleicht hat er früh gelernt, dass Ablehnung schmerzhaft ist.
Ein perfektionistischer Mensch ist nicht zwangsläufig ehrgeizig. Vielleicht versucht er unbewusst, Kritik oder Versagen zu vermeiden.
Ein Mensch, der Schwierigkeiten hat, anderen zu vertrauen, ist vielleicht nicht grundsätzlich misstrauisch. Vielleicht hat er Erfahrungen gemacht, die Vertrauen erschwert haben.
Viele Muster, die wir heute leben, waren einmal sinnvolle Anpassungen an unsere Lebensumstände.
Sie haben uns geholfen, zu überleben, dazuzugehören oder emotionalen Schmerz zu vermeiden.
Was kann sich verändern?
Und doch können wir einige Dinge, die unsere Persönlichkeit in die eine oder andere Richtung noch verstärken verändern.
Veränderbar sind unter anderem:
Selbstwertgefühl
Selbstvertrauen
Ängste und Unsicherheiten
Perfektionismus
Beziehungs- und Bindungsmuster
innere Glaubenssätze
der Umgang mit Gefühlen
die Fähigkeit, Grenzen zu setzen
der Umgang mit Kritik
die Beziehung zu sich selbst
Diese Bereiche sind nicht festgeschrieben. Sie entwickeln sich durch Erfahrungen – und können durch neue Erfahrungen verändert werden.
Das Gehirn bleibt ein Leben lang lernfähig
Moderne neurobiologische Forschung zeigt, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter neue Verbindungen bilden kann. Dieses Phänomen nennt man Neuroplastizität.
Das bedeutet:
Neue Erfahrungen verändern unser Gehirn.
Neue Beziehungen verändern unser Gehirn.
Neue Sichtweisen verändern unser Gehirn.
Und auch therapeutische Prozesse können neue innere Wege entstehen lassen.
Deshalb ist Veränderung grundsätzlich in jedem Lebensalter möglich.
Warum Veränderung oft schwerfällt
Wenn Veränderung möglich ist, warum gelingt sie dann oft nicht so einfach?
Weil unser Nervensystem Sicherheit liebt.
Selbst belastende Muster fühlen sich vertraut an.
Das Bekannte erscheint oft sicherer als das Unbekannte.
Deshalb reicht es meist nicht aus, sich vorzunehmen:
„Ab morgen mache ich alles anders.“
Nachhaltige Veränderung entsteht nicht allein durch Erkenntnis.
Sie entsteht durch neue Erfahrungen.
Durch das Erleben, dass andere Wege möglich sind.
Durch das wiederholte Sammeln neuer Erfahrungen, bis das Nervensystem lernt, dass Veränderung sicher sein darf.
Wahre Veränderung bedeutet nicht, jemand anderes zu werden
Viele Menschen beginnen ihre persönliche Entwicklung mit dem Wunsch, anders zu werden.
Im Laufe dieses Prozesses entdecken sie jedoch häufig etwas Überraschendes:
Es geht gar nicht darum, jemand anderes zu werden.
Es geht darum, die Schichten abzulegen, die sich über das eigene Wesen gelegt haben.
Ängste.
Alte Verletzungen.
Überzeugungen.
Schutzmechanismen.
Anpassungen.
Wenn diese Schichten nach und nach bewusst werden, tritt oft etwas zum Vorschein, das schon immer da war:
mehr Lebendigkeit.
mehr Klarheit.
mehr Selbstvertrauen.
mehr Authentizität.
mehr innere Freiheit.
Persönlichkeitsentwicklung bedeutet Rückkehr zu sich selbst
Vielleicht besteht persönliche Entwicklung nicht darin, eine neue Persönlichkeit zu erschaffen.
Vielleicht geht es vielmehr darum, sich selbst wieder näherzukommen.
Dem Menschen, der unter all den Erwartungen, Ängsten und Anpassungen schon immer vorhanden war.
Denn die tiefste Veränderung geschieht häufig nicht dadurch, dass wir jemand anderes werden.
Sondern dadurch, dass wir aufhören, jemand sein zu wollen, der wir nie waren.
Und genau darin liegt oft die größte Freiheit.
Nicht ein anderer Mensch zu werden.
Sondern immer mehr der Mensch zu sein, der man wirklich ist.

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