Wussten Sie schon?

Wie entsteht Internetsucht wirklich?


EIN ARTIKEL VON https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/internetsucht/entstehung/


Entwicklung problematischen Nutzungsverhaltens und Abhängigkeit

Gerade die vielen Vorteile des Internets können zur Entstehung einer Internetsucht beitragen: Die digitale Welt bietet nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, die rund um die Uhr verfügbar sind. Außerdem spielen bei der Nutzung des Internets auch Gefühle und soziale Aspekte eine Rolle. Viele Inhalte oder Aktivitäten in Netz werden als angenehm erlebt und können zur Ablenkung von Problemen oder unangenehmen Tätigkeiten genutzt werden. Wie bei anderen Süchten wird angenommen, dass bei der Entstehung einer Internetsucht eine Kombination verschiedener Faktoren eine Rolle spielt. Beim Spielen, Surfen oder Chatten erlebt man häufig ein Gefühl von Kontrolle und Erfolg. Viele Aktivitäten im Netz machen Spaß und sind entspannend – das heißt, sie wirken belohnend. Und dieser Belohnungsfaktor erhöht die Gefahr, dass eine Sucht entsteht. Außerdem erfährt man in sozialen Netzwerken oder bei Online-Rollenspielen häufig Wertschätzung und Anerkennung und erlebt ein Gefühl der Zugehörigkeit. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Verhaltenssüchten (zum Beispiel einer Spielsucht), ähnlich wie bei Alkohol- oder Drogensucht, biochemische Veränderungen im Gehirn eine Rolle spielen. Dabei sind vor allem das Belohnungszentrum des Gehirns und der Botenstoff Dopamin von Bedeutung. So kommt es während des „süchtigen Verhaltens“ zu einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin im Gehirn, was belohnend wirkt und zu Glücksgefühlen führt. Gleichzeitig sind Gehirnregionen, die bei Belohnung eine Rolle spielen, überdurchschnittlich stark aktiviert. Dadurch wird das Verhalten immer häufiger gezeigt, während andere Aktivitäten, die weniger belohnend wirken, immer mehr vernachlässigt werden. Weiterhin können psychische Probleme und Konflikte das Risiko für eine Internetsucht erhöhen. Schließlich wird vermutet, dass auch genetische Faktoren bei der Neigung, ein süchtiges Internetverhalten zu entwickeln, eine Rolle spielen. Dies hat sich für andere Arten der Sucht bereits gezeigt. Mit dem Compulsive Internet Use Scale (CIUS) -Selbst test zur Internetsucht finden Sie heraus, ob Ihr Internetnutzungsverhalten problematisch sein könnte.


Risikofaktoren für eine Internetsucht

Besonders gefährdet für eine Internetsucht scheinen Menschen zu sein, die ein geringes Selbstwertgefühl haben und / oder unter psychischen Problemen leiden. Wer wenig Selbstbewusstsein hat, kann sich in sozialen Medien so darstellen, wie er gerne sein möchte oder sich eine ganz neue Identität geben – und in Computerspielen kann er sich mutig und „heldenhaft“ fühlen. Die Aktivitäten im Netz stärken scheinbar das Selbstwertgefühl, wirken belohnend und verleiten dazu, immer mehr Zeit in der „virtuellen Welt“ zu verbringen. Bei vielen Formen der Internetsucht spielt auch die Suche nach sozialem Kontakt eine wichtige Rolle. Wenn jemand sich im „echten“ Leben Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen hat, sucht er diese Kontakte möglicherweise im Netz und empfindet diese vielleicht als befriedigender als „echte“ zwischenmenschliche Kontakte. Dies kann das Risiko für eine übermäßige Internetnutzung erhöhen. Studien haben zudem gezeigt, dass sich die Probleme mit sozialen Kontakten auf diese Weise eher verstärken. Studien haben zudem gezeigt, dass 86 Prozent der Internetsüchtigen eine weitere psychische Störung haben. Am häufigsten waren dabei Depressionen, eine andere Suchterkrankung (zum Beispiel Alkoholabhängigkeit) und eine Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Auch soziale Ängste und Persönlichkeitsstörungen scheinen häufig zusammen mit einer Internetabhängigkeit vorzukommen. Es wird vermutet, dass die Internetsucht sowohl eine Folge als auch die Ursache anderer psychischer Erkrankungen sein kann: Psychische Probleme können die Gefahr einer Internetsucht erhöhen – denn die ständige Nutzung des Internets kann ein Versuch sein, Problemen oder sozialen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Andererseits erhöht eine exzessive Internetnutzung die Wahrscheinlichkeit, dass weitere psychische Probleme entstehen.


Mögliche Folgen einer Internetsucht

Untersuchungen haben gezeigt, dass eine häufige Nutzung des Internets zu Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit – insbesondere der Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit – führt. So haben internetsüchtige Jugendliche schlechtere Leistungen in der Schule, und bei Erwachsenen lässt die Arbeitsleistung nach. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Betroffenen viel Zeit online verbringen und dadurch weniger Zeit für Hausaufgaben oder Arbeitstätigkeiten zur Verfügung haben. Weiterhin werden durch die Internetsucht häufig Kontakte zu Freunden und Familie vernachlässigt. So vereinsamen die Betroffenen häufig, ohne es zu bemerken. Zwar können auch im Internet neue Kontakte oder Freundschaften entstehen, aber meist findet dabei kein reales Treffen statt. Das ständige Verlangen, online zu sein, kann außerdem zu gesundheitlichen Problemen führen. So verbringen die Betroffenen so viel Zeit am Computer, dass sie zu wenig Schlaf bekommen. Oder sie leiden durch die „aufregenden” Aktivitäten im Internet unter Schlafstörungen. Oft werden Bedürfnisse wie Essen und Trinken vernachlässigt: Die Betroffenen essen zu wenig oder ernähren sich ungesund, zum Beispiel von Fastfood, und bewegen sich gleichzeitig zu wenig. Das führt oft dazu, dass Internetsüchtige stark abnehmen oder zunehmen. Das lange Sitzen am Computer kann zudem zu Muskelverspannungen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen oder Problemen beim Sehen führen. Schließlich können die mangelnde Bewegung und ungesunde Ernährung das Risiko für Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Selbst bei kleinen Kindern haben Forscher schon negative Folgen des häufigen Kontakts mit Smartphone und Internet festgestellt: So beobachteten sie bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren einen Zusammenhang zwischen der Nutzung digitaler Medien und Konzentrations- und Sprachstörungen sowie Hyperaktivität.


Unterstützung und Behandlung von Internetsucht

Wer bei sich selbst oder bei Angehörigen oder Freunden eine problematische Internetnutzung oder eine Internetsucht vermutet, kann sich an jede Einrichtung wenden, in der auch andere Suchterkrankungen behandelt werden: An eine Suchtberatungsstelle, einen Psychotherapeuten, eine Ambulanz oder eine auf Suchterkrankungen spezialisierte Klinik. Dort kann ein Experte im Gespräch und mithilfe von Fragebögen feststellen, ob tatsächlich eine Sucht oder ein schädlicher Gebrauch des Internets vorliegt. Außerdem gibt es inzwischen einige Kliniken, die eine eigene Ambulanz für Internetsucht haben, zum Beispiel in München, Mainz oder Bochum. Dabei gilt: Je früher man sich Unterstützung sucht, desto besser sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Denn oft steigert sich der Internetgebrauch mit der Zeit immer mehr – und auch die damit verbundenen Probleme. So kann es zum Abbruch des Studiums, zum Verlust des Jobs oder zur vollständigen Vereinsamung kommen. Dann wird das Internet oft noch exzessiver genutzt: Der Betroffene gerät immer mehr in einen Teufelskreis. Oft haben Menschen mit einer problematischen Internetnutzung Bedenken, sich Hilfe zu suchen. Sie befürchten, mit ihren Problemen von Beratungsstellen nicht verstanden zu werden, scheuen sich, über ihre Probleme zu sprechen – oder sie befürchten, dass sie das Internet in Zukunft gar nicht mehr nutzen dürfen. All das ist jedoch nicht der Fall. Stattdessen wird der Berater oder Therapeut versuchen, dem Ratsuchenden seine Ängste und Bedenken zu nehmen und ihm aufzeigen, wie eine Behandlung helfen kann. Eine andere Möglichkeit der Hilfe ist eine auf Internetsucht spezialisierte Online-Beratung. Es scheint zwar zunächst etwas befremdlich, Internetsüchtigen zu raten, sich per Internet Hilfe zu holen. Andererseits haben die Betroffenen oft kaum noch Kontakt zur Außenwelt, so dass das Internet für sie eine gute erste Anlaufstelle sein kann. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass Onlineberatungen bei Internetsucht hilfreich sein können.


Vorbeugung von Internetsucht

Wer einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet pflegen möchte und einer Internetsucht vorbeugen möchte, sollte im ersten Schritt sein Online-Verhalten bewusst beobachten. Dazu kann man zum Beispiel ein Internet-Tagebuch führen, in dem die Zeiten, in denen man online ist, festgehalten werden. Außerdem kann man einschätzen, ob die eigenen Internet-Aktivitäten eher suchtgefährdend oder eher unbedenklich sind. Als besonders gefährdend gelten Rollenspiele, der Besuch von Sexseiten und die Nutzung sozialer Medien. Im nächsten Schritt kann man sich Ziele zu einer kontrollierten Nutzung des Internets setzen. Sinnvoll ist dabei, die Dauer der Internetnutzung und die Art der Inhalte festzulegen. Wichtig ist auch, bei der Gestaltung des Tagesablaufs, der Freizeit und der sozialen Kontakte auf Aktivitäten ohne Internet zu achten. Oft kann es hilfreich sein, mit einem Familienmitglied oder einem guten Freund über die Probleme zu sprechen. So kann man gemeinsam überlegen, wie das problematische Verhalten verändert werden könnte und gemeinsam Ziele für die Internetnutzung zu vereinbaren.

Kritische Zeichen für einen problematischen Internetgebrauch können sein, dass man immer mehr Zeit online verbringt und dass man sich in Zeiten, in denen man nicht im Internet sein kann, nervös, niedergeschlagen, reizbar oder ängstlich fühlt. Wer solche Anzeichen bei sich bemerkt, sollte seinen Internetkonsum bewusst reduzieren. Wenn man feststellt, dass man das eigene Internetverhalten nicht in den Griff bekommt und / oder der exzessive Internetgebrauch zu weiteren Problemen führt, ist es wichtig, sich frühzeitig professionelle Unterstützung zu suchen, damit sich die Problematik nicht weiter verstärkt. Unterstützung zur Vorbeugung eines problematischen Internetgebrauchs findet man bei Beratungsstellen sowie Einrichtungen der Suchtprävention oder der Medienerziehung. Bisher gibt es allerdings wenig spezialisierte Angebote zur Vorbeugung einer Internetsucht. Fachleute fordern deshalb, dass mehr dieser Angebote geschaffen werden sollten. 


Vorbeugung bei Kindern und Jugendlichen


Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die mit Internet und Smartphone aufwachsen, ist es wichtig, dass sie – von klein an – einen sinnvollen Umgang mit den „neuen Medien“ lernen.

Dazu sollten die Eltern selbst Vorbild sein, ihr eigenes Online-Verhalten kritisch hinterfragen und zum Beispiel zeigen, dass es nicht notwendig ist, ständig erreichbar zu sein. Gleichzeitig sollten sie ihre Kinder bei der Nutzung von Internet und Smartphone aufklären und schulen – etwa über den Umgang mit privaten Daten und Datenschutz im Internet sowie bei der Unterscheidung zwischen Webseiten, die für Kinder und Jugendliche geeignet sind und solchen, die weniger geeignet oder sogar schädlich sind. Experten empfehlen, dass Kinder vor dem 11. oder 12. Lebensjahr noch kein Handy haben sollten. Zwischen 11 und 13 Jahren sollte das Smartphone höchstens eine Stunde pro Tag genutzt werden. Dabei sollten die Eltern am Anfang die vielen Funktionen am Smartphone oder im Internet mit ihren Kindern gemeinsam ausprobieren und mitentscheiden, welche Apps und Internetseiten ihr Kind nutzt.

Außerdem ist es sinnvoll, dass Eltern klare Regeln zum Umgang mit der Internetnutzung festlegen und gleichzeitig auf eine Freizeitgestaltung mit Aktivitäten ohne Internet achten. Regeln umfassen – vor allem bei Kindern – die Zeit, die das Kind pro Tag online sein darf oder eine Regel, dass Nachrichten nur in bestimmten Abständen gecheckt werden. Zum anderen sollte festgelegt werden, in welchen Situationen das Smartphone / Internet tabu ist: etwa im Schulunterricht, beim Zusammensein mit Familie oder Freunden, bei den Hausaufgaben, beim gemeinsamen Essen, vor dem Schlafengehen und in der Nacht während des Schlafens. Es können auch handyfreie Tage eingeführt werden – vor allem dann, wenn das Kind oder der Jugendliche das Internet bereits exzessiv nutzt. Bei älteren Kindern und Jugendlichen ist es vor allem wichtig, sie zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Internet und Smartphone anzuleiten. Applikationen wie die App „Menthal“ von Forschern der Universität Bonn können dazu beitragen, das Nutzungsverhalten bewusster zu gestalten. So zeigt die App die tägliche Nutzungsdauer an und welche Anwendungen besonders häufig verwendet werden. Weiterhin sollten Kinder und Jugendliche über die Kosten der Handy- oder Internetverträge (etwa Kosten für Gespräche, Nachrichten, Datenvolumen) Bescheid wissen und sich auch an diesen Kosten beteiligen, damit sie lernen, verantwortungsvoll mit Internetnutzung und Kosten umzugehen. Allerdings sollten Eltern sich nicht zu schnell Sorgen machen, dass ihr Kind internetsüchtig sein könnte. So nutzen viele Jugendliche Internet und Smartphone (zumindest zeitweise) sehr intensiv, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt. Erst wenn mehrere der oben genannten Kriterien zusammen kommen – zum Beispiel, wenn der Internetkonsum immer mehr zunimmt und deshalb Schule oder Kontakte zu Freunden und Familie vernachlässigt werden – kann das auf die Entwicklung einer Internetabhängigkeit hindeuten.


Wie kann man einen betroffenen Angehörigen unterstützen?

Wenn man das Gefühl hat, dass ein Angehöriger (Partner, Kind, Freund) seine Internetnutzung nicht mehr im Griff hat, sollte man zunächst das Gespräch mit ihm suchen und dabei seine eigenen Beobachtungen, Gefühle und Sorgen offen ansprechen. Dabei ist es sinnvoll, einen Zeitpunkt zu wählen, an dem der andere nicht online ist, so dass man in Ruhe mit ihm sprechen kann. Bei dem Gespräch sollte man möglichst einfühlsam sein und dem anderen Gelegenheit geben, seine eigene Sicht der Dinge und seine eigenen Gefühle darzulegen. Dadurch wird der Betroffene selbst dazu angeregt, über seine Internetnutzung und die Vorteile und Nachteile seines Verhaltens nachzudenken. Gleichzeitig kann man seine Wünsche, was sich ändern sollte, vorbringen. Nicht sinnvoll ist es dagegen, selbst eine Art „Diagnose“ zu stellen. Außerdem sollte man den Betroffenen nicht zwingen, sein Verhalten gegen seinen Willen zu ändern oder Verbote  aussprechen – denn das führt meist dazu, dass er sich weiter zurückzieht. Wichtig ist auch, dem betroffenen Angehörigen keine Aufgaben oder Verpflichtungen abzunehmen und nicht gemeinsam mit ihm zu surfen – denn dadurch macht man es ihm nur leichter, seiner Internetaktivität nachzugehen. Stattdessen sollte man den Betroffenen motivieren, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Dabei kann es hilfreich sein, anzubieten, gemeinsam zu einer Beratungsstelle oder einem Therapeuten zu gehen. Oft ist es nützlich, sich als Angehöriger selbst Unterstützung zu suchen und zum Beispiel mit einem guten Freund oder bei einer Beratungsstelle über seine Sorgen zu sprechen.






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