Wussten Sie schon?

Wenn Eltern ihr Kind an das Internet verlieren

EIN ARTIKEL VON Patricia Hansen


Eine neue Gefahr hat sich ganz unauffällig in deutsche Kinder- und Jugendzimmer eingeschlichen: Die Sucht nach Rollenspielen und Sozialen Medien im Internet. Jeder 10 Schüler ist davon betroffen, schätzen Experten. Wie Sie die Gefahr erkennen können, welche Präventivmaßnahmen helfen und was Sie selbst tun können erklärt Ihnen Tipps vom Experten in dieser Reportage.


Ein gewöhnlicher Abend bei Familie S. aus Nürnberg. Alle Familienmitglieder sitzen am Tisch zum Abendessen. Es wird gelacht, geredet und diskutiert. Nur ein Platz bleibt wieder einmal leer. Sohn Oliver, 15 Jahre, will von dem gemeinsamen Familienessen nichts wissen. Er bleibt vor seinem Computer. Wie immer. Denn Oliver ist spielsüchtig. Seine Droge heißt „World of Warcraft“. Und von dieser Droge kann ihn nichts und niemand abbringen. Jeder Versuch seiner Eltern scheiterte bisher kläglich. Wird er gezwungen seinen Platz vor dem Bildschirm zu verlassen, reagiert er mit Trotz- und Wutaktionen, wird im schlimmsten Fall sogar handgreiflich. Und er fängt an zu schwitzen und zu zittern, wird fahrig und leidet unter Konzentrations- und Kreislaufschwächen. Oliver braucht mindestens sechs Stunden am Tag für seine Suchtbefriedigung am Computer. Ohne das WOW – so wird das berühmteste aller Spiele bei eingefleischten Fans genannt – macht das Leben keinen Sinn mehr für ihn. Oliver ist Rollenspielsüchtig. Und er ist nicht der Einzige…

10 Prozent der Jugendlichen sind suchtgefährdet

10 Prozent der deutschen Schüler sind laut Meinung des Hamburger Suchtforschers Prof. Rainer Thomasius suchtgefährdet oder zeigen bereits Abhängigkeitsverhalten. Und die Zahl steigt stetig an. 70 Prozent der Kinder zwischen sechs und 13jahren spielen mindestens einmal wöchentlich am Computer. Ein Viertel von ihnen sogar täglich. Und wenn es nicht der Computer ist, dann sitzen mindesten 37 Prozent der Kinder vor ihren Spielekonsolen oder Videospielen. Das digitale Spielzeug hat schon längst erfolgreich Einzug gehalten in die heutigen Kinderzimmer. Ein lukrativer Einzug. 2009 verdiente die Spieleindustrie 40 Milliarden Dollar weltweit. 2013 dürfte sich der Gewinn bereits verdoppelt haben.

Die meisten Eltern bemerken die Spielsucht und Onlinesucht ihrer Kinder zu spät

Viele Eltern und Erwachsene verstehen diese Welt ihrer Kinder nicht mehr. Oder sie haben keine Möglichkeit, das Problem der Kids rechtzeitig zu bemerken. Denn die Spielsucht am Computer ist ein schleichendes Problem. Dr. Oliver Bilke vom Schweizer Zentrum für Suchtfragen im Kindes- und Jugendalter (SZSKJ) und Modellstation SOMOSA in Winterthur nennt es auch einen „schlafenden Tiger“. Viele der Jugendlichen kennen sich weit besser am Computer oder in der virtuellen Welt aus als ihre Eltern. Unangenehme Hindernisse wie ein gesperrtes Wlan werden mit wenigen Tricks umgangen. Oft wird vor allem nachts gespielt und gechattet wenn die Eltern bereits mit ruhigem Gewissen schlafen und ihren Nachwuchs in Sicherheit wähnen. Doch gerade dann surfen die Jugendlichen heimlich in die virtuelle Welt des Internets. Auffällig dabei ist, dass die Jungen vor allem Rollenspiele bevorzugen, während die Mädchen sich auf Chat-Plattformen und Sozialen Medien wie Facebook einloggen. Das Perfide dabei: Die meisten Eltern erkennen das Suchtproblem zu spät. Denn die Kinder grölen, saufen, schlägern nicht. Sie verschwinden nur einfach, ganz unmerklich.

Warum macht das Internet und Online Spiele süchtig

„Beim Spielen in der virtuellen Welt ist das Gehirn viel aktiver, gereizter als zum Beispiel beim Lesen oder Fernsehschauen“ erklärt Dr. Klaus Mathiak vom Klinikum Aachen in der ARD-Sendung „Spielen, spielen, spielen – wenn der Computer süchtig macht“. Das zeigte eine Studie am Klinikum. Die Probanten waren alle wesentlich involvierter, besonders emotional, im Vergleich zu anderen Beschäftigungen. Damit, so ist sich Dr. Mathiak sicher, ist ein Online Spiel mehr als nur ein Spiel. Durch den Aufbau von den Rollenspielen wie zum Beispiel World of Warcraft wird das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert.

Je besser der Gamer wird, je mehr Items (Gegenstände, die ihm helfen) er einsammeln kann, umso höher ist das Erfolgserlebnis. Das wiederum führt zu erhöhter Dopanin-Ausschüttung, einem Hormon, das glücklich macht. Allerdings muss der Spieler, wenn er weiter positive Gefühle haben möchte, auch immer weiter spielen. Genau wie Oliver. Ehemalige Interessen wie Leichtathletik sind im egal geworden. Seine Noten im Gymnasium sind so schlecht geworden, dass er die Schule wechseln musste. Mit seinen besten Freunden trifft er sich nur noch im Internet, obwohl alle in direkter Nachbarschaft wohnen. Oliver sitzt stattdessen mindestens sechs Stunden täglich vor dem Rechner. Am Wochenende können es leicht auch zehn oder mehr Stunden werden.

„Gegessen habe ich nur noch in der virtuellen Welt!“

Alltägliche Beschäftigungen wie Essen oder Schlafen sind für die Spielsüchtigen nur noch notwendiges Übel. Hungergefühle werden gerne mit Cola oder Milch unterdrückt. Das kann leicht während des Spiels zu sich genommen werden. Normale Beschäftigungen wie Essen oder Schlafen treten in den Hintergrund. „Ich hatte keine Lust mehr im realen Leben zu essen. Stattdessen habe ich mit verschiedenen Figuren aus WOW gespeist – aber eben nur in der virtuellen Welt“, erklärt in der ARD-Sendung ein Spielsüchtiger, der durch seine Onlinesucht alles in seinem Leben verloren hat: Freundin, Job, Bekannte, Lebensfreude.

Faszination Facebook

Wenn die 13jährige Jeannette nachmittags von der Schule kommt, hat sie nur ein Ziel: das Facebook. Stundenlang sitz sie vor ihrem Laptop und chattet mit ihren Freundinnen. Persönlich kennt sie zwar die wenigsten ihrer über 300 angemeldeten Freunde, doch das stört sie nicht. Die Freunde haben alle Fantasienamen wie Mangagirl200 oder Tokamisuperstar – die meisten Namen basieren auf die japanischen Zeichenfiguren, auch Mangas genannt – und ob es sich bei allen tatsächlich um Mädchen in ihrem Alter handelt, weiß keiner genau. Trotzdem fühlt sich Jeanette in dieser Cyber-Clique wohl. „Heute sind doch alle bei Facebook angemeldet“, erzählt sie. „Wer dazu gehören und mitreden will, muss einfach ein Profil haben!“ Dieses soziale Netzwerk ist in den letzten Jahren ein unbedingtes Muss für die Jugendlichen geworden.

Hier können sie über ihre Gefühle reden ohne peinlich zu wirken. Hier haben sie das Gefühl verstanden zu werden. Und je mehr positive Meldungen sie auf ihrem Profil vermelden können, umso mehr Selbstbewusstsein bekommen sie. Denn diese kleinen Meldungen, zum Beispiel HOL (Hab Dich lieb), zeigen den anderen, wie beliebt der Besitzer der Profilseite ist. Doch auch hier droht Suchtgefahr. Wer wirklich auf Facebook mitmachen will, muss im Grunde immer erreichbar und verfügbar sein.

Bei Jeanette endete das damit, dass sie sich sogar nachts heimlich auf dem Portal anmeldete um mit ihren „Freundinnen“ zu chatten. Ihre Mutter wunderte sich zwar, warum Jeanette morgens immer müde und unausgeschlafen war, doch erst durch einen Zufall bemerkte sie, was ihre Tochter nachts im Chat tat. Sogar die Sofortmaßnahme den WLan, also die kabellose Einwählverbindung für das Internet, für Jeanettes Computer und ihren iPod ab einer gewissen Uhrzeit zu sperren, war zuerst nutzlos. Jeanette hatte mit ein paar Klicks herausgefunden, wie sie die Sperre wieder aufheben konnte.

Der Umgang mit Sozialen Medien will gelernt sein

Soziale oder Digitale Medien sind heutzutage wichtig für die Kinder und Jugendlichen. Ihre Bedeutung liegt sogar über der Bedeutung von Fernseher und Telefon. Doch der Umgang damit muss sorgfältig erlernt sein. Digital Natives nennt man die Jugendlichen im Internet. Und weil gerade Kinder und Jugendliche sehr empfänglich sind für die neuen Medien und kaum in der Lage sind, sie zu kontrollieren, kann der Umgang mit Internet und Co schnell gefährlich werden.

Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer hat darüber ein Buch („Digitale Demenz“) geschrieben, in dem er alle Eltern warnt. Er behauptet, dass es ein modernes Krankheitsbild gibt, das durch die digitalen Medien hervorgerufen wird: die digitale Demenz!. Die Symptome sind Gedächtnisstörungen, verbunden mit Abstumpfung. Hervorgerufen durch den exzessiven Umgang mit digitalen Medien.

Wer nicht „drin“ ist, ist out?

Immer wieder bekommen Eltern von ihren Kindern zu hören, dass alle Freunde täglich im Internet surfen. Wer da nicht mitmacht, ist out. Manfred Spitzer ist anderer Meinung. Er glaubt, dass diese These bewusst von der Industrie gestreut wird, erklärt er in dem Interview „Computer machen dumm“ für die „Abendzeitung“. Seiner Meinung nach sind Außenseiter diejenigen, die zu viele digitale Medien nutzen. Sozial integrierter sind die Jugendlichen, die weniger den Medienkonsum ausnutzen. Bei stundenlangen Kampfspielen entsteht nach neuesten Forschungen ein so genanntes „Ballerhirn“, eine bestimmte Festlegung im Gehirn, die später nur mit viel Mühe wieder normalisiert werden kann. Spitzer kennt aus seiner eigenen Arbeit viele junge Menschen, die durch dieses „Ballerhirn“ immense psychische Probleme in ihrem Leben bekommen haben. Auch den pädagogisch sinnvollen Lerneffekt beim Umgang mit dem Computer bezweifelt er. „Die Auswertung der Pisa-Daten zeigt, dass ein Computer im Jugendzimmer den Schulerfolg negativ beeinflusst. Man muss kein Hirnforscher sein, um zu kapieren, dass stundenlange Mediennutzung nichts Gutes bewirkt!“


Begriffserklärung:

WOW: World of Warcraft, Online Rollenspiel mit mehr als 10 Millionen Mitspielern weltweit MMORPG: Massively Multiplayer Online Rote-Playing Game – übersetzt Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel, z.B. World of Warcraft Avatar: Künstliche Person oder ein grafischer Stellvertreter einer echten Person. Sie wird von den Spieler meist selbst erschaffen Gamer: Spieler Gilde: Zusammenschluss mehrerer Mitspieler, die gemeinsam bestimmte Aufgaben in Computerspielen bewältigen Chatten: Unterhaltung im Internet auf rein digitaler Basis Team Speak: Eine Sprachkonferenzsoftware, welche den Benutzern ermöglicht, über das Internet oder ein LAN miteinander zu kommunizieren. TeamSpeak ist für die Nutzung in Online-Spielen optimiert Raid: Kampf Tutorials: Anleitung Public Viewings: öffentliche Austragung von Meisterschaften oder Freundschaftsspielen eines bestimmten Computerspiels. Game-Communitys: Spielergemeinschaften Digital Natives: Menschen die schon lange im Internet sind


Wie können Eltern und Lehrer helfen

Früher waren die Schüler montags in der Schule häufig unkonzentriert und nervös, weil sie das Wochenende zu lange vor dem Fernseher saßen. Heute, so glauben einige Experten, liegt es daran, dass die Schüler zu lange vor dem Bildschirm ihres Computers saßen. Auch Angelika Bachmann, Schulleiterin der EmiLe Montessorischule München-Neuried kennt dieses Phänomen. Den Umgang mit dem Computer bei Kindern und Jugendlichen hält sie wie andere Pädagogen und Experten jedoch nicht für generell schlecht. „Das Fernsehen hat eine wesentlich passivere Rolle als das Internet“, erklärt sie. „Immerhin sind die Kinder beim chatten oder spielen aktiv.“ Sie sieht die Problematik eher in dem Selbstbewusstsein der Betroffenen. „Die Verführbarkeit des Internets ist umso größer, je größer die Leere im Ich besteht, die ausgefüllt werden muss. Wenn beim Schüler das Gefühl entsteht: Was mache ich jetzt? Ich habe keine Ideen. Was finde ich eigentlich gut an mir?, dann kann das Angebot Internet sehr verlockend sein und derjenige kann sich schnell darin verlieren“.

Deshalb baut die Idee der Montessorischule auch darauf auf, dass die Kinder selbstständig neue Alternativen suchen. Es gibt im Schulalltag mehr Spielräume, die freiwillig und nicht fremdbestimmt ausgefüllt werden können. Ausreichend ist das allerdings nicht. In den meisten Schulen gibt es keine oder nur unzulängliche Workshops oder Schulungen für Schüler und Eltern für den Umgang mit dem Internet. Pädagogen sind schlichtweg nicht ausreichend informiert.

Elternschule mit dem Thema Internet gefordert

Um das zu ändern, hat Angelika Bachmann für dieses Jahr eine Elternschule mit dem Thema Internet geplant. Hierbei sollen Eltern verstehen lernen, wie das Internet funktioniert, was ein optimaler Umgang mit diesem Medium bedeutet und warum es so eine Faszination auf Kinder und Jugendliche ausübt. Bereits im Juni gibt es zuvor einen Infoabend zum Thema Medien und Mediensucht. „Gerade soziale Netzwerke und Computerspiele sind für Eltern nicht nachvollziehbar“, erklärt sie. „Eine qualitative Vorbeuge zum Missbrauch der Medien ist nur möglich, wenn die Eltern wissen, was ihre Kinder machen. Erwachsene sollten auf jeden Fall einmal selber diese Spiele spielen, damit sie verstehen, um was es geht.“ Eine Fortbildung für Lehrer und Eltern in verschiedenen Formen mit dem Umgang „Neue Medien“ findet sie zweckvoll und ist in der EmiLe Montessorischule bereits angedacht. Denn sowohl Eltern als auch Kinder und Jugendliche müssen den Unterschied zwischen Werkzeug und Spielzeug beim Umgang mit dem Internet lernen.

Der „Medienführerschein“

Ähnlich sieht es auch die Bayerische Staatskanzlei und das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sie haben einen so genannten „Medienführerschein“ entwickelt, der sich an Schüler, Lehrer und Eltern wendet. Ziel der Aktion ist es, den Erwachsenen und den Kindern den richtigen Umgang mit den neuen Medien zu vermitteln, sowohl auf privater Ebene als auch integriert in den Schulunterricht. Bislang wurde das Angebot jedoch nicht ausreichend angenommen.

…Heroin aus der Steckdose…

Nicht immer geht der Kampf gegen die Droge Internet gut aus. Ein besonders tragisches Schicksal hat die Familie Hirte erleben müssen. Ein Alptraum, der mehr als 6 Jahre gedauert hat. Ihr Sohn Jakob (Name von der Redaktion geändert) steckte in dem Teufelskreis Rollenspielsucht fest. Seine Droge: World of Warcraft. Jeglicher Kontakt zu seinen Eltern und seinen Freunden war abgebrochen, sein Studium hatte er aufgegeben, seine Wohnung war vermüllt. Für ihn gab es nur noch ein Lebenselixier: spielen, spielen, spielen…

Und das, obwohl seine Eltern alles versucht haben, ihn aus seiner Spielsucht zu befreien. Aus Verzweiflung und weil sie anderen Betroffenen in der gleichen Situation helfen wollten, haben sie vor Jahren die Elterninitiative www.rollenspielsucht.de (über 1 Million Zugriffe) ins Leben gerufen und den Verein AKTIV GEGEN MEDIENSUCHT e.V. (www.aktiv-gegen-mediensucht.de) mit dem Netzwerk für Ratsuchende (www.netzwerk-fuer-ratsuchende.de) gegründet. Täglich gibt es auf diesen Seiten zwischen 600 – 800 Zugriffe mit steigender Tendenz.

Hirtes konnten seit 6 Jahren unzähligen Familien helfen. Endlich gibt es auch für ihren Sohn gute Nachrichten zu vermelden. Seit Ende Februar ist der 28-Jährige in einer Tagesklinik, um sich helfen zu lassen. In vielen Fällen ist das erst mit Ende 20 möglich.


Stellungnahme Herr Hirte:

Wir haben ein sehr gutes Gefühl, dass er jetzt soweit ist, die schlimme Vergangenheit hinter sich zu lassen und sein reales Leben selbst in die Hand zu nehmen. Trotzdem wird ihn die Suchtproblematik wie bei Alkohol- oder Drogensüchtigen sein ganzes Leben begleiten. Es war für alle ein schwerer Leidensweg. Nun können wir mit noch mehr Nachdruck die Hoffnung auf Veränderung in betroffene Familien tragen. Wir wünschen uns dabei von den Angehörigen viel Mut, sich mit der Problematik auseinander zu setzen, denn der Schlüssel zur Veränderung in den unterschiedlichen Phasen der Sucht, besonders in der Einstiegsphase, liegt meist bei den Angehörigen. Viel zu viele werden durch eigene Schuldgefühle gelähmt und können nicht nach Lösungswegen suchen. Viele warten auch auf Hilfe von außen. Doch da in Politik, Gesellschaft und oft genug auch in Beratungsstellen oder bei vielen Medienpädagogen die Vorstellungskraft über die verheerenden Auswirkungen der Mediensucht fehlt, wird sich gesamtgesellschaftlich vorerst auch nicht so viel ändern. Familien haben keine Lobby, deshalb müssen wir Angehörigen selbst die Initiative ergreifen.


Interview mit dem betroffenen Vater Christoph Hirte:

Herr Hirte: Eltern von jüngeren Kindern können wir nur ganz dringend ans Herz legen, ihre Kinder mit der Nutzung der Medien so spät wie möglich beginnen zu lassen, entgegen dem, was gerne behauptet wird. Medienpädagogen leben von den Medien und werden sich aus diesem Grund nicht kritisch dazu äußern. Ein zu früher Einstieg in Bildschirmmedien reduziert die Dimensionen der Erfahrungswelt für die Kinder und beugt einer Suchtgefahr nicht vor. Eltern sollten, zusammen mit ihren Kindern, feste Maximalzeiten pro Tag, pro Woche oder pro Monat festlegen. Dabei müssen alle Medien – Fernseher, Nintendo, Playstation, Iphone, etc.- in die Zeit mit einbezogen werden. Grundsätzlich raten wir jedoch, den Kindern eher weniger Geräte zur Verfügung zu stellen.


Der Computer sollte an einem allgemein zugänglichen Ort aufgestellt und ohne Administratorrechte für die Kinder eingerichtet werden. Die Einhaltung der Vereinbarungen sollte genau kontrolliert werden und klare Maßnahmen bei Verstößen sind dringend erforderlich. Hier braucht es 100%ige Konsequenz ohne Verhandlungsspielraum. Kinder brauchen klare Grenzen, das gibt ihnen Halt und Sicherheit. Wichtig ist, dass die Kinder an Alternativen herangeführt werden. Anregungen finden Sie in unserer Alternativen-Datenbank.


Wie ist es mit angeblich pädagogisch wertvollen Spielen die von bekannten und angesehenen Kinderkanälen auf deren Webseite angeboten werden?

Herr Hirte: Durch Kindersender wie zum Beispiel KIKA werden die Kleinsten schon angefixt. Das Fernsehen ist im Kleinkindalter die Einstiegsdroge. Schon die Kleinsten werden umworben, zum Beispiel die Seite von KIKA aufzurufen, um dort Spiele zu spielen. So kommen sie viel zu früh in Kontakt mit den süchtigmachenden Mechanismen des Belohnungsprinzips. Andere Spiele wie zum Beispiel das Free-to-play-Game Farmerama werden ständig in der TV-Werbung gratis angeboten. Was jedoch kaum einer weiß: Um gegen andere Spieler eine Chance zu haben, wird der Zukauf von Spielhilfen ermöglicht. So wird der Spieler zwangsläufig innerhalb des Spiels kräftig abgezockt. Nicht wenige Spieler haben bei Metin2 oder anderen Browsergames schon Tausende Euros ausgegeben.

Ist es nicht schon zur Normalität geworden, dass alle Jugendlichen und Kinder ihren eigenen Computer haben?

Herr Hirte: Viel zu häufig gibt es mit elektronischen Geräten hochgerüstete Kinderzimmer. Fernseher und Computer haben aus meiner Sicht im Kinderzimmer noch nichts zu suchen. Wir Eltern sind gefordert, unsere Kinder, auch durch unsere Vorbildfunktion, aktiv und mit allen Sinnen an Alternativen heranzuführen. Wer seine Freizeit ausschließlich vor dem PC verbringt, empfindet das reale Leben irgendwann als langweilig. In Ermangelung attraktiver Alternativen greifen die Kinder und Jugendlichen aus purer Langeweile zum allzeit verfügbaren „Heroin aus der Steckdose“. Meist werden beunruhigte Eltern mit der Generalabsolution: „DAS MACHEN DOCH JETZT ALLE“ abgespeist. So tritt das eigene Bauchgefühl viel zu oft in den Hintergrund. Smartphones in Kinder und Jugendhänden bezeichnen wir mittlerweile als mobile Heroin-Flatrates. Leider wird uns von allen Seiten suggeriert, dass diese neuen, vor allem mobilen Kommunikationswege notwendig und nicht verhinderbar sind. In Wahrheit geht es hier um immense wirtschaftliche Interessen. Ich denke, es liegt an uns, auch an uns Eltern, ob wir uns diesem unumkehrbaren Diktat und diesem unkritischen Fortschrittsglauben unterwerfen.


Was können Eltern tun, wenn das Kind zur Internetsucht neigt

  1. Mut zum Nein-Sagen. Auch wenn alle anderen Freunde stundenlang vor dem Bildschirm sitzen dürfen, ist das noch lange nicht pädagogisch richtig!

  2. Der Computer hat nichts im Kinderzimmer verloren. Er gehört in einen allgemein zugänglichen Raum, zum Beispiel in das Wohnzimmer.

  3. Kinder sollen den PC nur dann benützen dürfen, wenn die Eltern sie kontrollieren können.

  4. Ein Kinder/Jugendschutzprogramm sollte unbedingt auf dem Rechner installiert sein.

  5. Die Eltern müssen sich informieren, wie der Computer, das Internet und die diversen Spiele funktionieren. Im Notfall sollten sie sich an einen Fachmann oder eine Elterninitiative wenden.

  6. Manchmal helfen nur strenge Verbote, wenn die Eltern erkennen, dass das Kind/der Jugendliche bereits erste Anzeichen von Internetsucht zeigt. Auch, wenn das zu größeren Streitereien führt.

  7. Absprachen mit anderen Eltern sind sinnvoll, damit das Kind sich nicht bei den Freunden über die elterlichen Verbote hinwegsetzen kann.

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Redaktion:Patricia Hansen

Interviewpartner:Angelika Bachmann, Christoph Hirte

Bilder: EmiLe Montessori Schule, Ch. Hirte, © Africa Studio – Fotolia.com, © anastasios71 – Fotolia.com, © BeTa-Artworks – Fotolia.com, © klickerminth – Fotolia.com, © lassedesignen – Fotolia.com, © lassedesignen – Fotolia.com, © lassedesignen – Fotolia.com, © leroy131 – Fotolia.com, © Schlierner – Fotolia.com; pixabay.com

Wiedergabe– auch auszugsweise – nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. Der vorliegende Tipp ist sorgfältig erarbeitet worden. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Redaktion noch Herausgeber können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den hier gemachten praktischen Anleitungen resultieren, eine Haftung übernehmen.




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