ALKOHOL – Ein schmaler Grad zwischen Genuss und Missbrauch
- info44776

- 29. Juli 2025
- 3 Min. Lesezeit
Alkohol ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig: beim Anstoßen, beim Abschalten, beim Feiern oder Trösten. Ein Glas zum Feierabend, zwei zum Essen, drei am Wochenende – lange gilt das als „normal“. Doch wann beginnt die Grenze zur Abhängigkeit zu verschwimmen? Und was passiert, wenn Alkohol nicht mehr nur Begleiter, sondern Mittelpunkt des Lebens wird?
Alkoholmissbrauch ist eine stille Krankheit. Er beginnt oft unauffällig, fast beiläufig – und endet für viele Menschen in einem massiven körperlichen, psychischen und sozialen Zusammenbruch.
Ab wann ist Alkohol ein Problem?
Nicht jeder, der trinkt, ist abhängig. Aber: Nicht jeder, der trinkt, hat es im Griff.
Alkoholmissbrauch liegt vor, wenn:
regelmäßig größere Mengen konsumiert werden (mehr als 24g Reinalkohol/Tag bei Männern, 12g bei Frauen = ca. 0,5l Bier oder 0,25l Wein),
Alkohol verwendet wird, um Emotionen zu regulieren (z. B. Angst, Stress, Einsamkeit),
wichtige Lebensbereiche (Familie, Arbeit, Gesundheit) darunter leiden,
es zu einem Kontrollverlust kommt – also mehr getrunken wird als geplant.
Alkoholabhängigkeit liegt vor, wenn:
ein starker Wunsch oder Zwang zum Trinken besteht,
die Kontrolle über Beginn, Menge und Ende des Konsums fehlt,
sich eine Toleranz entwickelt (man braucht immer mehr, um dieselbe Wirkung zu erzielen),
Entzugssymptome bei Nichtkonsum auftreten (Zittern, Schwitzen, Reizbarkeit, Schlafstörungen),
trotz negativer Folgen weitergetrunken wird.
Die entscheidende Frage ist nicht: Wie viel trinke ich?
Sondern: Warum trinke ich? Und was passiert mit mir, wenn ich es nicht tue?
Echter Genuss braucht Bewusstheit, Freiheit und Wahlmöglichkeit. Wenn Alkohol zur Flucht oder zur emotionalen Regulation wird, ist diese Freiheit oft schon verloren – auch wenn es äußerlich noch „normal“ aussieht.
Was passiert im Körper bei regelmäßigem Alkoholkonsum?
Alkohol wirkt direkt auf das zentrale Nervensystem – und beeinflusst beinahe jedes Organ im Körper.
Kurzfristig:
Enthemmung, Beruhigung, Euphorie
gestörte Koordination, Sprachprobleme
verlangsamte Reaktionsfähigkeit
Störung des Schlafrhythmus (weniger Tiefschlaf)
Langfristig:
Lebererkrankungen: Fettleber, Hepatitis, Leberzirrhose
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, erhöhtes Schlaganfallrisiko
Immunsystemschwächung: häufigere Infekte
Krebserkrankungen: besonders im Mund-, Rachen-, Speiseröhren- und Leberbereich
Störungen des Stoffwechsels, z. B. Diabetes
Neurologische und psychische Folgen
Regelmäßiger Alkoholkonsum verändert auch das Gehirn – mit teils irreversiblen Folgen:
Gedächtnisstörungen, Konzentrationsprobleme
Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit
Angststörungen, Depressionen
Soziale Isolation
Alkoholdemenz: Eine degenerative Hirnerkrankung durch chronischen Alkoholmissbrauch mit Symptomen wie Gedächtnisverlust, Orientierungsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen – ähnlich wie bei Alzheimer, aber alkoholbedingt
Soziale und emotionale Folgen
Alkoholmissbrauch betrifft nie nur den Trinkenden – sondern das gesamte Umfeld. Partner:innen, Kinder, Freunde und Kollegen leiden oft jahrelang mit – still, hilflos, überfordert.
Typische Folgen:
Beziehungsprobleme, Trennungen, Scheidung
Verlust von Vertrauen und emotionaler Nähe
Berufliche Probleme bis hin zum Jobverlust
Finanzielle Schwierigkeiten
Vernachlässigung der Kinder – mit hohen psychischen Belastungen für die nächste Generation
Alkohol „löst“ keine Probleme – er betäubt sie. Doch die Konflikte, Ängste und Traumata, die im Hintergrund wirken, bleiben bestehen – und fordern sich irgendwann ihren Raum.
Was tun, wenn Alkohol ein Thema wird?
Der Weg in die Abhängigkeit ist oft schleichend – der Weg heraus beginnt mit Ehrlichkeit und dem Mut, sich Hilfe zu holen.
Erste Schritte:
Sich selbst beobachten: Warum trinke ich? Wie oft? Wie viel?
Mit vertrauten Menschen sprechen
Hausärztliche Beratung in Anspruch nehmen
Psychologische oder therapeutische Unterstützung suchen
Entzug und stationäre Behandlung bei starker Abhängigkeit
Niemand muss diesen Weg allein gehen. Hilfe ist möglich – und wirksam.
Heilung bedeutet nicht nur Verzicht – sondern Rückkehr zum Leben
Hinter jedem Alkoholproblem steckt eine Geschichte: von Schmerz, innerer Leere, Überforderung, ungelösten Gefühlen oder fehlender Zugehörigkeit. In der therapeutischen Arbeit geht es nicht nur darum, nicht mehr zu trinken – sondern darum, herauszufinden, warum überhaupt getrunken wurde.
Es geht um:
Selbstregulation lernen (ohne Substanzen)
Alte seelische Wunden heilen (z. B. über die Arbeit mit dem inneren Kind)
Neue Wege finden, mit Gefühlen wie Wut, Trauer, Angst oder Einsamkeit umzugehen
Verbindung statt Betäubung
Ich begleite Menschen auf dem Weg aus dem Alkoholmissbrauch
In meiner Praxis begleite ich Menschen, die erkennen: So kann es nicht weitergehen. Ob Alkohol zur Stressbewältigung genutzt wird, zur Betäubung innerer Unruhe oder aus tiefer Gewohnheit – jeder Weg in die Freiheit beginnt mit einem ersten Schritt.
Ich arbeite ressourcenorientiert, achtsam und tiefenpsychologisch – immer in dem Tempo, das für den Menschen passt. Ziel ist nicht nur Abstinenz – sondern ein Leben, das sich wieder echt, verbunden und lebendig anfühlt.
Fazit
Alkoholmissbrauch ist keine Charakterschwäche – sondern oft Ausdruck seelischer Überlastung. Der Weg aus der Abhängigkeit erfordert Mut, Ehrlichkeit und Unterstützung. Doch er lohnt sich: für die eigene Gesundheit, für Beziehungen, für das eigene Lebensgefühl.
Heilung ist möglich – und sie beginnt dort, wo wir uns selbst wieder zuwenden.

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