Das Innere Kind braucht mehr als nur Aufmerksamkeit - Warum die Arbeit mit dem Inneren Kind allein nicht ausreicht
- 22. März
- 3 Min. Lesezeit
In uns leben verschiedene Anteile – doch zwei davon prägen unser Erleben ganz besonders: das Innere Kind und das Erwachsene Ich.
Das Innere Kind ist unser reines Gefühls-Ich. In ihm ist alles gespeichert, was wir bisher erlebt haben: Nähe und Geborgenheit, aber auch Verletzungen, Erziehungsmuster und vielleicht sogar Traumata. Es reagiert nicht logisch – sondern unmittelbar, emotional, oft sehr intensiv.
Das Erwachsene Ich dagegen ist die Ratio.Es analysiert, ordnet ein, trifft Entscheidungen. Es ist der Teil in uns, der sagt: „Ich brauche Unterstützung, ich gehe jetzt zum Therapeuten.“Es ist aber auch der Teil, der unsere Sicht auf die Welt prägt – ob wir eher eng, kontrolliert und bewertend schauen oder offen, verstehend und flexibel.
In meiner Praxis ist die Arbeit mit dem Inneren Kind seit Langem ein fester Bestandteil. Doch es reicht nicht aus, den Fokus ausschließlich darauf zu legen. Genauso wichtig ist es, den Anteil in uns zu betrachten, der das Innere Kind „nährt“ – und damit auch bestehende Defizite aufrechterhalten kann: unser Erwachsenes Ich.
Denn entscheidend ist, mit welcher inneren Haltung wir auf uns selbst und die Welt blicken. Genau hier liegt der Schlüssel für echte Veränderung. Nicht nur im Fühlen, sondern auch im Verstehen und Einordnen entsteht Entwicklung – tief in uns.
Wenn das Funktionieren wichtiger wird als das Fühlen
Viele Menschen haben früh gelernt:
Du musst funktionieren.Reiß dich zusammen.Es ist nicht so schlimm.
Diese Sätze stammen selten aus uns selbst – sie wurden uns beigebracht. Und irgendwann übernimmt das Erwachsene Ich diese Haltung.
Dann entsteht ein inneres Ungleichgewicht:
Das Erwachsene Ich übernimmt die Führung –aber nicht fürsorglich, sondern fordernd.
Es sagt:
„Mach weiter.“
„Stell dich nicht so an.“
„Das musst du jetzt durchziehen.“
Und das Innere Kind?
Wird leiser.
Die Folgen: Wenn wir uns selbst übergehen
Wenn wir dauerhaft über unser Gefühls-Ich hinweggehen, hat das Konsequenzen.
Denn das Innere Kind verschwindet nicht.Es wird nur überhört.
Typische Folgen können sein:
innere Leere
emotionale Erschöpfung
das Gefühl, sich selbst nicht mehr richtig zu spüren
ein schleichender Verlust von Selbstachtung und Selbstwert
psychische und psychosomatische Erkrankungen
Denn jedes Mal, wenn wir unsere eigenen Gefühle ignorieren, senden wir uns eine Botschaft:
So wichtig bist du nicht.
Die Sicht auf die Welt – und auf uns selbst
Das Erwachsene Ich bestimmt nicht nur unser Verhalten, sondern auch unsere Perspektive.
Eine enge Sichtweise sagt:
„Ich muss stark sein.“
„Gefühle stören.“
„Schwäche darf nicht sein.“
die Menschen müssen funktionieren, pünktlich sein und so oder so sein!
es gibt nur schwarz und weiß
Eine weite Sichtweise erlaubt:
„Ich darf fühlen.“
„Es gibt Gründe für meine Reaktionen.“
„Ich darf mir Unterstützung holen.“
Menschen sind unterschiedlich und es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt
es gibt Zwischentöne, grau Nuancen
es gibt nichts, was es nicht gibt
Und genau hier entsteht eine entscheidende Verbindung:
Je enger unsere innere Haltung ist,desto schlechter geht es oft unserem Inneren Kind.
Je offener und verständnisvoller wir auf uns selbst schauen,desto sicherer fühlt sich dieser verletzliche Teil in uns.
Ein neuer innerer Umgang
Es geht nicht darum, das Erwachsene Ich abzuschaffen.Im Gegenteil: Wir brauchen es.
Aber nicht als Antreiber – sondern als Begleiter.
Ein gesundes Erwachsene Ich sagt nicht:„Funktioniere.“
Sondern:„Ich sehe, dass es dir gerade nicht gut geht – und ich kümmere mich darum.“
Es nimmt das Innere Kind ernst, statt es zu übergehen.
Selbstachtung beginnt im Inneren
Selbstachtung und Selbstwert entstehen nicht nur durch Erfolg, Leistung oder Anerkennung von außen.
Sie entstehen vor allem durch die Beziehung zu uns selbst.
Durch die Frage:
Wie gehe ich mit mir um, wenn es mir nicht gut geht?
Höre ich mir zu? Oder übergehe ich mich?
Die Arbeit mit dem Inneren Kind bedeutet letztlich genau das:
Dem eigenen Gefühls-Ich wieder Raum zu geben.
Es nicht länger zum Schweigen zu bringen. Sondern es ernst zu nehmen.
Vielleicht ist der wichtigste Schritt kein großer.
Sondern ein stiller Moment, in dem man innehält und sich fragt:
Wie geht es mir eigentlich gerade wirklich?
Und dann nicht sofort weiter funktioniert.

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