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Wussten Sie schon?

„Ich bin halt einfach ehrlich!“ – Zwischen echter Authentizität und emotionalem Auskotzen

Warum Ungefiltertheit nicht automatisch Wahrhaftigkeit bedeutet

„Ich bin halt einfach authentisch.“„Ich sage, was ich denke – ob’s dir passt oder nicht.“„Ich kann mich nicht verstellen – ich bin halt ehrlich.“

Sätze wie diese begegnen uns heute oft. In den sozialen Medien. In Diskussionen. In Alltagsbeziehungen.Sie klingen nach Selbstbewusstsein, nach Integrität, nach Mut zur Wahrheit.Aber: Ist jede Ungefiltertheit automatisch ein Zeichen von gesunder Authentizität?

Die Antwort aus psychologischer Sicht: Nein.


Was bedeutet echte Authentizität?

Authentizität bedeutet nicht: „Ich sage einfach alles raus, was mir durch den Kopf geht.“Es bedeutet:

  • Mit mir selbst in Kontakt zu sein.

  • Meine Gedanken, Gefühle und Werte wahrzunehmen.

  • Und dann bewusst und verantwortungsvoll damit umzugehen – mir selbst und anderen gegenüber.

Authentizität ist keine Ausrede für Rücksichtslosigkeit – sondern Ausdruck innerer Klarheit und Reife.

Warum verwechseln viele Menschen Ungefiltertheit mit Echtheit?

Weil wir in einer Zeit leben, in der Unmittelbarkeit als Wahrheit gilt.

  • „Raw & real“ ist zum Trend geworden.

  • Emotionale Impulsivität wird als mutig gefeiert.

  • Grenzen und Feingefühl gelten schnell als „Verstellen“.

Doch nicht jede direkte Äußerung ist echt.Oft ist sie schlicht ein ungeklärter Impuls:

  • Ein Schutzmechanismus.

  • Eine Überwältigung.

  • Eine mangelnde Regulation.

Wer alles rauslässt, ist oft nicht besonders echt – sondern einfach unreflektiert oder überfordert.


Typische Persönlichkeitsmerkmale oder Hintergründe:

1. Menschen mit ungelösten Kindheitsthemen (z. B. inneres Kind, emotionale Vernachlässigung)

  • Sie haben in ihrer Kindheit vielleicht nie richtig gelernt, mit Gefühlen umzugehen, weil niemand sie gespiegelt oder gehalten hat.

  • Wenn dann später Emotionen durchbrechen, passiert das roh und impulsiv – ohne Integration oder Einbettung.

  • „Ich sage einfach, was ich fühle!“ = oft das innere Kind, das endlich Ausdruck sucht.

2. Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Kontrolle oder Dominanz

  • Offenheit kann zur Machttechnik werden: Wer alles „unzensiert“ sagt, zwingt andere in die Reaktion.

  • Unter dem Deckmantel von „Ich bin halt ehrlich“ wird oft verdeckte Aggression ausgelebt.

  • Es fehlt an Empathie – die Grenze zwischen direktem Ausdruck und psychologischer Grenzüberschreitung wird nicht erkannt.

3. Menschen mit geringem Selbstwert und hoher Verletzlichkeit

  • Wer nicht gelernt hat, sich selbst sicher zu halten, reagiert über – besonders in Konflikten oder bei Kritik.

  • Die „Ungefiltertheit“ dient als Schutz: Wer laut ist oder emotional ausbricht, muss sich nicht spüren.

  • Oder: Ich rede dich an die Wand, damit du nicht siehst, wie unsicher ich wirklich bin.

4. Menschen mit hoher Reaktanz gegenüber „Anpassung“ oder „System“

  • Viele Menschen lehnen alles ab, was sie als „gesellschaftlich angepasst“ empfinden – auch reflektierte Kommunikation.

  • Sie verwechseln oft Rücksicht mit Unterdrückung, Höflichkeit mit Unehrlichkeit.

  • Dahinter steckt oft ein Trauma der Anpassung – also ein inneres „Ich darf nicht ich sein“ – das nun ins Gegenteil kippt.

5. Menschen, die soziale Medien als emotionale Bühne nutzen

  • Vor allem online beobachten wir: Emotionen werden inszeniert, dramatisiert, ungefiltert „geteilt“ – um gesehen zu werden.

  • Likes und Aufmerksamkeit wirken wie kurzfristige Bestätigung – aber führen selten zu echter Verbindung.

  • Dahinter steht oft ein ungestilltes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Bedeutung, Resonanz.


Diese Muster bedeuten nicht, dass diese Menschen „schlecht“ oder absichtlich rücksichtslos sind.Sie handeln oft aus Überforderung, Verletzung oder mangelnder emotionaler Reife – nicht aus Böswilligkeit.


Die psychologischen Hintergründe

Viele Menschen haben nicht gelernt, ihre Gefühle zu halten, zu regulieren oder zu sortieren.Was früher nicht gefühlt oder ausgedrückt werden durfte, kommt heute mit voller Wucht – manchmal auf Kosten anderer.

Typische Ursachen:

  • Ein verletztes inneres Kind, das endlich gesehen werden will

  • Eine lange unterdrückte Wut, die sich unkontrolliert Bahn bricht

  • Ein tiefes Bedürfnis nach Verbindung – ausgedrückt in Konfrontation


Die Folgen emotionaler Ungefiltertheit

  • Beziehungen leiden. Nicht jeder Gefühlsausdruck führt zu Nähe. Manches zerstört Vertrauen.

  • Selbstbild wird verzerrt. Wer glaubt, „immer authentisch“ zu sein, ohne Rückmeldung zuzulassen, entwickelt kein reifes Selbst.

  • Kommunikation wird manipulativ. Ungefilterte Offenheit kann als Druckmittel verwendet werden („Ich sag ja nur die Wahrheit…“).

  • Emotionale Isolation. Wer wiederholt andere überrollt, zieht sich letztlich selbst ins Aus.


Was stattdessen echte Authentizität braucht:

  1. Selbstwahrnehmung– Was fühle ich wirklich? Woher kommt das Gefühl?

  2. Emotionale Regulation– Muss ich es jetzt sagen – oder erst sortieren?

  3. Verantwortungsvollen Ausdruck– Kann ich so sprechen, dass ich bei mir bleibe – und den anderen nicht überrolle?

  4. Empathie– Kann ich mich zumuten, ohne zu verletzen?


Authentisch sein heißt nicht: immer impulsiv sein

Es heißt:Klar in mir zu sein – und ehrlich, aber verbunden zu kommunizieren.Manchmal ist echte Authentizität leise, sanft, sortiert.Nicht impulsiv. Nicht dramatisch. Aber echt.

„Ungefiltert sein ist leicht. Geklärt sein ist reif.“– Und beides ist nicht dasselbe.

Fazit: Zwischen Authentizität und emotionalem Auskotzen liegt emotionale Reife

Wer sich wirklich zeigen will, braucht mehr als Mut:Er braucht Reflexion, Bewusstsein – und manchmal auch Zurückhaltung.Nicht aus Angst. Sondern aus Respekt.Für sich selbst – und für das Gegenüber.


ree

 
 
 

2 Kommentare


bat newbrown
bat newbrown
22. Okt.

Ein ausgezeichneter Artikel, der komplexe Zusammenhänge verständlich darstellt. Man merkt, dass hier viel Recherchearbeit investiert wurde. Solche Inhalte motivieren mich immer wieder, tiefer in Themen einzutauchen und nicht bei der ersten Information stehen zu bleiben. Ein tiefes Verständnis für IED ist entscheidend, und dafür sind gute Ressourcen unerlässlich. Ich habe vor kurzem eine Website gefunden, die einen sehr detaillierten Test anbietet, der Betroffenen oder Angehörigen helfen kann, die Anzeichen besser einzuordnen. Das kann ein wichtiger erster Schritt sein.

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ac ab
ac ab
20. Okt.

Vielen Dank für diesen gut strukturierten Artikel! Es ist erfrischend, Inhalte zu finden, die so klar und durchdacht präsentiert werden. Ihre Analyse hat mir wirklich neue Perspektiven eröffnet. Das Lesen solcher Beiträge unterstreicht für mich immer wieder die Bedeutung von Selbstreflexion und dem Verstehen individueller Unterschiede. Auf der Suche nach verlässlichen Informationen in diesem Bereich bin ich auf ein sehr hilfreiches Werkzeug gestoßen. Es ist ein Autismus-Spektrum-Test, der mir half, persönliche Merkmale besser einzuordnen. Eine wirklich empfehlenswerte Ressource für alle, die mehr über sich erfahren möchten.

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