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Wussten Sie schon?

Seitensprung: Soll ich es sagen – oder besser nicht?

Ein psychologischer Blick auf Schuld, Verantwortung und Beziehung


Ein Seitensprung stellt häufig eine tiefe Erschütterung im eigenen Selbstbild und in der bestehenden Beziehung dar. Neben der Frage nach den Ursachen stellt sich oft eine zweite, schwierige Entscheidung:Soll der Vorfall dem Partner oder der Partnerin offenbart werden – oder ist Schweigen der verantwortungsvollere Weg?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Der Wunsch nach Ehrlichkeit kollidiert oft mit der Sorge, zusätzliches Leid zu verursachen. Eine differenzierte Betrachtung kann helfen, Orientierung zu finden.


Ein Seitensprung – ein Symptom?

Ein Seitensprung ist in vielen Fällen kein rein zufälliges Ereignis, sondern Ausdruck innerer oder partnerschaftlicher Spannungen. Die Gründe können vielfältig sein:

  • Emotionale oder körperliche Vernachlässigung

  • Suche nach Selbstwirksamkeit oder Lebendigkeit

  • Unverarbeitete Konflikte oder Kränkungen

  • Flucht aus Beziehungsdynamiken oder Rollenmustern

  • Identitätsfragen („Wer bin ich jenseits der Partnerschaft?“)

In der psychologischen Praxis zeigt sich oft: Ein Seitensprung ist nicht automatisch Ausdruck fehlender Liebe, sondern ein Signal für ungelöste Themen – persönlich wie partnerschaftlich.


Psychologische und neurologische Dynamiken

Ein solcher Vertrauensbruch aktiviert verschiedene Systeme im Gehirn:

  • Amygdala: löst Angst, Schuld oder Alarmzustände aus

  • Belohnungssystem: sucht nach neuen Reizen, Bestätigung, Aufregung

  • präfrontaler Cortex: beginnt zu analysieren, zu bewerten, zu zweifeln

  • Vagusnerv: soziale Bindung wird irritiert, emotionale Nähe kann sich verringern

Diese neurobiologischen Prozesse beeinflussen sowohl die Selbstregulation als auch die Beziehungsfähigkeit – vor und nach einem möglichen Geständnis.


Offenheit oder Schweigen: eine ethische und psychologische Abwägung

Was spricht für das Offenlegen?

  • Authentizität und Offenheit in der Partnerschaft

  • Vermeidung weiterer Lügen oder Heimlichkeiten

  • Möglichkeit zur bewussten, gemeinsamen Verarbeitung

Was spricht für das Schweigen?

  • Schutz des Partners bzw. der Partnerin vor zusätzlichem Leid

  • Vermeidung eines Traumas, insbesondere bei einmaligen Vorfällen

  • Erhalt der Beziehungssicherheit, insbesondere bei stabilen Alltagsstrukturen

  • Möglichkeit zur eigenen Reflexion, ohne Übertragung der Verantwortung

Wichtig: Es geht nicht darum, sich „herauszureden“, sondern um eine ethische Differenzierung.Nicht jede Wahrheit entlastet – manche belastet zusätzlich.


Beziehungsrealität nach dem Geständnis

Wird der Seitensprung offenbart, verändert sich die Beziehung grundlegend. Die bisherige Vertrauensbasis wird erschüttert. Häufige Reaktionen sind:

  • Rückzug oder emotionale Überforderung

  • Kontrollbedürfnis, Eifersucht, Misstrauen

  • Intensives Nachfragen, Grübeln, schmerzhafte Vorstellungen

  • Identitätskrisen: „War das alles echt?“ oder „Bin ich nicht genug?“

Diese Reaktionen sind nachvollziehbar – sie zeigen die Tiefe der Verletzung.Doch bevor gemeinsame Themen aufgearbeitet werden können, braucht es Wiederherstellung von Sicherheit.


Die Beziehung im Ausnahmezustand

Nach dem Geständnis kommt die Partnerschaft häufig in eine akute Krise. Der Wunsch, die Gründe des Fremdgehens sofort zu analysieren, ist verständlich – aber oft verfrüht.Der Fokus sollte zunächst auf Stabilisierung, emotionaler Verarbeitung und der Rückkehr zu einem Minimum an Vertrauen liegen.Erst dann kann der Raum für tiefergehende Gespräche entstehen.


Was bedeutet Verantwortung in diesem Kontext?

Egal, ob man sich für das Schweigen oder für das Offenlegen entscheidet – entscheidend ist die Haltung:

  • Verantwortung übernehmen – ohne Schuld zu verschieben

  • Aufrichtig reflektieren: „Was hat mich zu diesem Schritt gebracht?“

  • Beziehung bewusst (neu) gestalten, anstatt in Abwehr oder Rückzug zu verfallen

  • Den Partner oder die Partnerin emotional nicht alleinlassen, sondern einfühlsam begleiten

Verantwortung bedeutet auch, die Folgen der eigenen Entscheidung zu tragen – unabhängig davon, wie schwer sie wiegen.


Wann ist professionelle Begleitung sinnvoll?

In Situationen hoher emotionaler Komplexität, innerer Zerrissenheit oder bei intensiven Schuld- und Angstgefühlen kann eine psychotherapeutische oder beraterische Begleitung hilfreich sein.Sowohl in der Einzelarbeit als auch in der Paartherapie können Themen wie Selbstwert, Kommunikation, Beziehungsdynamik und Bindungsverhalten vertieft und sortiert werden.


Fazit: Keine allgemeingültige Antwort – aber bewusste Entscheidungen

Ob ein Seitensprung offenbart wird oder nicht, sollte keine impulsive Entscheidung sein.Weder Schuldgefühle noch moralische Maximen führen automatisch zu konstruktiven Lösungen.

Im Mittelpunkt steht nicht die Frage „Sagen oder nicht sagen?“, sondern:„Wie kann ich Verantwortung übernehmen – für mein Verhalten, meine Beziehung, meine Zukunft?“


Reflexionsfragen für Betroffene:

  • Was war mein inneres Motiv für den Seitensprung – jenseits von Schuld oder Rechtfertigung?

  • Was würde ein Geständnis beim anderen auslösen – und kann ich mit den Folgen leben?

  • Was braucht meine Beziehung jetzt wirklich – Wahrheit oder Stabilität?

  • Bin ich bereit, mich dem Prozess der Aufarbeitung zu stellen – auch wenn es unbequem wird?


ree

 
 
 

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