Warum Selbstoptimierung krank macht
- info44776

- 1. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Selbstoptimierung klingt harmlos.Ein bisschen besser schlafen, effizienter arbeiten, bewusster essen, emotional stabiler sein. Doch für viele Menschen ist Selbstoptimierung längst kein freiwilliger Wunsch mehr, sondern ein innerer Zwang.
Therapeutisch zeigt sich immer häufiger: Nicht das Streben nach Entwicklung macht krank, sondern der Druck, ständig besser sein zu müssen.
Wann Entwicklung kippt
Gesunde Entwicklung ist lebendig, neugierig und fehlerfreundlich.Selbstoptimierung hingegen ist oft:
getrieben von Angst
orientiert an Vergleich
verbunden mit Selbstkritik
nie zufriedenstellend
Der Unterschied liegt nicht im Tun, sondern im inneren Motiv.
Der innere Antreiber
In der Therapie begegnet uns bei selbstoptimierenden Menschen häufig ein starker innerer Antreiber:
„Du bist noch nicht gut genug.“
„Da geht noch mehr.“
„Andere schaffen das auch.“
Dieser Antreiber ist selten aggressiv. Er wirkt oft sachlich, vernünftig, motivierend – und ist gerade deshalb so mächtig.
Doch seine Botschaft bleibt gleich:So wie du jetzt bist, reichst du nicht.
Psychologische Wurzeln der Selbstoptimierung
Selbstoptimierung entsteht häufig aus frühen Beziehungserfahrungen:
Liebe war an Leistung gebunden
Anerkennung gab es für Anpassung
Fehler führten zu Entzug von Nähe
Das Kind lernt:Ich muss etwas leisten, um dazuzugehören.
Als Erwachsene setzen viele dieses Muster fort – nun gegen sich selbst gerichtet.
Das Nervensystem unter Dauerstress
Neurologisch hält Selbstoptimierung das Stresssystem aktiv:
Dauerhafte Cortisol-Ausschüttung
Überaktivierung des Sympathikus
Reduzierte Regenerationsfähigkeit
Der Körper kommt nicht mehr in Ruhe.Pausen fühlen sich „falsch“ an. Stillstand erzeugt Schuld.
Langfristig entstehen:
Erschöpfung
Schlafstörungen
innere Leere
Depression
psychosomatische Beschwerden
Nicht weil Menschen zu wenig tun – sondern weil sie sich selbst nicht mehr spüren dürfen.
Der Vergleich als Treibstoff
Selbstoptimierung lebt vom Vergleich:
schneller
gesünder
produktiver
ausgeglichener
Soziale Medien verstärken diesen Mechanismus massiv. Das Gehirn reagiert auf Vergleich mit Stress – selbst wenn er nur beiläufig geschieht.
Therapeutisch zeigt sich:Je stärker der Vergleich, desto instabiler der Selbstwert.
Die Illusion der Kontrolle
Selbstoptimierung verspricht Kontrolle:
über den Körper
über Gefühle
über Erfolg
über das Leben
Doch das Leben ist nicht vollständig kontrollierbar.Wer versucht, alles zu optimieren, verliert oft das Vertrauen in den eigenen Organismus.
Fehler, Müdigkeit und Zweifel werden nicht mehr als menschlich erlebt – sondern als persönliches Versagen.
Wenn das Selbst zum Projekt wird
In der Selbstoptimierung wird der Mensch zum Objekt:
der Körper wird optimiert
Emotionen werden reguliert
Gedanken werden korrigiert
Therapeutisch problematisch ist dabei:Das Selbst wird nicht mehr erlebt – sondern bearbeitet.
Viele Betroffene berichten:„Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich eigentlich fühle.“
Warum Selbstoptimierung Beziehungen belastet
Wer sich selbst ständig optimieren muss:
ist selten zufrieden
stellt hohe Ansprüche
kann Schwäche schwer aushalten
Nähe wird schwierig, wenn Unvollkommenheit keinen Platz mehr hat – weder bei sich selbst noch bei anderen.
Der therapeutische Gegenpol
Therapeutisch geht es nicht darum, Entwicklung abzulehnen.Sondern darum, den inneren Druck zu lösen.
Heilsam sind:
Selbstmitgefühl statt Selbstkontrolle
Akzeptanz statt Dauerverbesserung
Körperwahrnehmung statt Leistungsfokus
Beziehung statt Vergleich
Der Mensch darf wieder Subjekt sein – nicht Projekt.
Vom Optimieren zum Erlauben
Heilung beginnt oft mit Fragen wie:
Was passiert, wenn ich nichts verbessere?
Wer bin ich ohne mein ständiges Arbeiten an mir?
Darf ich unvollkommen sein?
Diese Fragen machen Angst – und öffnen gleichzeitig einen neuen inneren Raum.
Abschließende therapeutische Haltung
Selbstoptimierung verspricht ein besseres Ich.Doch Heilung beginnt dort, wo Menschen aufhören, sich selbst zu reparieren.
Nicht alles, was unbequem ist, muss verbessert werden.Manches will gefühlt, gehalten, angenommen werden.
Psychische Gesundheit bedeutet nicht, perfekt zu sein –sondern sich selbst in der eigenen Unvollkommenheit nicht zu verlieren.

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