Wie man sich selbst treu bleibt – eine psychologisch-therapeutische Perspektive
- info44776

- 4. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Sich selbst treu zu bleiben klingt einfach.Und ist doch für viele Menschen eine der größten Herausforderungen ihres Lebens.
Therapeutisch begegnen wir immer wieder Menschen, die „funktionieren“, angepasst leben, Erwartungen erfüllen – und sich dennoch innerlich leer, fremd oder verloren fühlen. Nicht, weil sie falsch sind. Sondern weil sie sich zu oft von sich selbst entfernt haben, um dazuzugehören.
Was bedeutet es, sich selbst treu zu bleiben?
Sich selbst treu zu bleiben bedeutet nicht:
stur zu sein
rücksichtslos zu handeln
immer laut die eigene Meinung zu vertreten
Psychologisch bedeutet es:
die eigene innere Wahrheit wahrzunehmen
Gefühle ernst zu nehmen
Grenzen zu respektieren
Entscheidungen mit dem eigenen inneren Kompass abzugleichen
Selbsttreue ist eine innere Beziehung – keine äußere Haltung.
Warum wir uns selbst verlassen
Die meisten Menschen verraten sich nicht bewusst.Sie tun es aus Notwendigkeit.
Früh lernen wir:
Anpassung sichert Bindung
Harmonie vermeidet Konflikte
Leistung bringt Anerkennung
Das Nervensystem speichert diese Erfahrungen.Selbstverrat wird zur Überlebensstrategie.
Was einst Schutz war, wird später zur Belastung.
Der innere Konflikt
Viele Menschen spüren:
„So wie ich lebe, bin ich nicht wirklich ich.“
„Ich funktioniere, aber ich fühle mich nicht lebendig.“
Therapeutisch ist das kein Versagen – sondern ein gesundes Signal.Die Psyche meldet: Etwas stimmt nicht mehr.
Die Rolle des Körpers
Der Körper ist oft ehrlicher als der Verstand:
Müdigkeit
Spannung
innere Unruhe
psychosomatische Symptome
Körperliche Signale zeigen, wo wir gegen uns leben.Sich selbst treu zu bleiben beginnt häufig mit dem Zuhören.
Grenzen als Ausdruck von Selbsttreue
Grenzen sind kein Angriff.Sie sind ein Akt der Selbstachtung.
Viele Menschen haben Angst:
andere zu enttäuschen
als egoistisch zu gelten
Beziehung zu verlieren
Therapeutisch zeigt sich:Wer keine Grenzen setzt, verliert nicht die anderen – sondern sich selbst.
Selbsttreue ist kein Egoismus
Sich selbst treu zu bleiben bedeutet nicht, andere abzuwerten.Im Gegenteil: Menschen mit innerer Klarheit sind beziehungsfähiger.
Sie:
kommunizieren ehrlicher
tragen weniger Groll
übernehmen Verantwortung für sich
Selbsttreue schafft Klarheit – keine Härte.
Der innere Kritiker
Der innere Kritiker meldet sich oft, wenn wir beginnen, uns selbst ernst zu nehmen:
„Stell dich nicht so an.“
„Sei nicht so empfindlich.“
„Das kannst du doch nicht bringen.“
Therapeutisch ist wichtig:Der innere Kritiker will schützen – aber er kennt nur alte Wege.
Selbsttreue bedeutet, ihm zuzuhören, ohne ihm die Führung zu überlassen.
Authentische Entscheidungen
Selbsttreue zeigt sich weniger in großen Entscheidungen –sondern im Alltag:
Nein sagen
Pausen machen
Bedürfnisse äußern
Unstimmiges benennen
Jede kleine Entscheidung in Übereinstimmung mit sich selbst stärkt den inneren Halt.
Der Mut zur Unbequemlichkeit
Sich selbst treu zu bleiben ist nicht immer angenehm:
Konflikte können entstehen
Beziehungen können sich verändern
Erwartungen können enttäuscht werden
Therapeutisch ist das ein notwendiger Prozess.Nicht jede Verbindung hält echte Selbsttreue aus.
Doch die wichtigste Beziehung – die zu sich selbst – wird stabiler.
Selbsttreue ist ein Prozess
Niemand ist immer authentisch.Selbsttreue ist kein Zustand, sondern ein Weg.
Er besteht aus:
Wahrnehmen
Innehalten
Nachjustieren
Verzeihen
Auch Selbstverrat darf gesehen werden – ohne Schuld, ohne Scham.
Therapeutische Unterstützung
In der Therapie geht es nicht darum, ein neues Selbst zu erschaffen.Sondern darum, den Zugang zum eigenen Selbst wieder freizulegen.
Heilsam sind:
sichere Beziehung
Spiegelung
Erlaubnis zu fühlen
langsames Annähern an die eigene Wahrheit
Abschließende therapeutische Haltung
Sich selbst treu zu bleiben heißt nicht, perfekt zu sein.Es heißt, sich nicht dauerhaft zu verlassen.
Manchmal beginnt Selbsttreue mit einem leisen inneren Satz:Das fühlt sich für mich nicht stimmig an.
Und manchmal ist genau dieser Satz der Anfang von Heilung.

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