Perfektionismus hat selten etwas mit Leistung zu tun
- 18. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Warum der Wunsch, alles richtig zu machen, oft aus einem tiefen Bedürfnis nach Sicherheit entsteht
Von Benita Feller, Psychologin (M.Sc.), Psychotherapeutin, Traumatherapeutin und Paartherapeutin
Perfektionismus genießt einen erstaunlich guten Ruf.
Menschen beschreiben sich im Bewerbungsgespräch als perfektionistisch und meinen damit meist etwas Positives.
Sorgfältig.
Gewissenhaft.
Leistungsbereit.
Doch in meiner therapeutischen Arbeit zeigt sich häufig eine andere Seite.
Perfektionismus hat oft erstaunlich wenig mit Ehrgeiz zu tun.
Und sehr viel mit Angst und Kontrolle.
Der Wunsch, keinen Fehler machen zu dürfen
Hinter perfektionistischem Verhalten steht selten der Wunsch, außergewöhnlich zu sein.
Viel häufiger steht die Hoffnung, keinen Anlass für Kritik zu bieten.
Keine Angriffsfläche.
Keine Enttäuschung.
Kein Scheitern.
Fehler werden dabei nicht einfach als Fehler erlebt.
Sondern als Bedrohung des eigenen Selbstwertes.
Wenn Leistung Sicherheit verspricht
Viele Menschen haben früh gelernt, dass Anerkennung nicht selbstverständlich war.
Vielleicht wurde Lob überwiegend für Leistung ausgesprochen.
Vielleicht war Funktionieren selbstverständlich.
Vielleicht gab es wenig Raum für Schwäche.
So entsteht manchmal eine stille Überzeugung:
"Wenn ich alles richtig mache, bin ich sicher."
Diese Überzeugung begleitet viele Menschen bis ins Erwachsenenalter.
Warum Perfektion nie zufrieden macht
Das Tragische am Perfektionismus ist:
Er kennt kein Ende.
Ist ein Ziel erreicht, erscheint sofort das nächste.
War etwas gut, hätte es noch besser sein können.
Der innere Maßstab verschiebt sich ständig.
Deshalb entsteht selten echte Zufriedenheit.
Nicht, weil die Leistung fehlt.
Sondern weil Sicherheit nie dauerhaft über Leistung hergestellt werden kann.
Die Angst vor dem Unperfekten
Perfektionisten fürchten sich oft weniger vor Fehlern.
Sie fürchten sich vor dem, was Fehler ihrer Vorstellung nach bedeuten könnten.
Nicht zu genügen.
Abgelehnt zu werden.
Kontrolle zu verlieren.
Dabei zeigt das Leben etwas anderes.
Beziehungen entstehen selten durch Perfektion.
Sie entstehen durch Echtheit.
Was wir wirklich brauchen
Menschen brauchen Entwicklung.
Nicht Fehlerlosigkeit.
Sie brauchen die Erfahrung, dass sie auch dann wertvoll bleiben, wenn etwas nicht gelingt.
Diese Erfahrung lässt sich nicht durch noch mehr Leistung ersetzen.
Sie entsteht dort, wo Selbstwert nicht länger an Perfektion geknüpft ist.
Fazit
Perfektionismus wirkt nach außen oft wie Stärke.
Innerlich ist er jedoch häufig Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Sicherheit.
Je besser wir diese Sehnsucht verstehen, desto weniger müssen wir sie über ständiges Funktionieren stillen.
Persönliche Reflexion
Viele Menschen glauben, sie müssten ihren Perfektionismus einfach "ablegen".
Ich sehe das anders.
Für mich geht es zunächst darum zu verstehen, wofür Perfektionismus einmal eine gute Lösung war.
Denn erst wenn wir seine ursprüngliche Funktion erkennen, kann langsam etwas entstehen, das nachhaltiger ist als Kontrolle:
Inneres Vertrauen.

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